• Foto: Ben Heinrich, www.facebook.com/benjamin.heinrich.5

Zeppelintribüne: Interventionistische Kunst im Denkmal - geht das?

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Ist das "Regenbogen-Präludium" ein Frevel am Denkmal oder ein künstlerische Entweihung eines Nazi-Bauwerks? Dies ist der Versuch einer Abwägung.

12. Nov. 2020 –

Die Idee des „Regenbogen-Präludiums“, erdacht von einem anonymen Nürnberger Kunstkollektiv, ist das Beste an Kunst, was seit langen Jahren auf dem Reichsparteitagsgelände stattgefunden hat. So einfach wie genial. Die inhaltliche Brechung ist perfekt, die Sinnfälligkeit erkennt jedes Kind. Künstlerische Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus und ihren verbliebenen Monumenten – so kann sie aussehen. Ergebnis: Die perfekte „Entweihung“ eines Nazi-Bauwerks, eines Täterorts. Gleichzeitig die „Vergrämung“ rechter NS-Pilger und Selfiemacher. Problem: Das Kunstwerk wurde auf einem Denkmal angebracht, Farbe auf Muschelkalk. Und für jeden Eingriff an einem Denkmal braucht es eine Genehmigung. Das ist richtig und sinnvoll, um nicht wiedergutzumachende Schäden an geschützten historischen Bauwerken zu vermeiden, sagen die einen. Das Kunstwerk ist es wert, sagen die anderen. 

Man ist hin- und hergerissen zwischen zwei Werten – ein clash of cultures, wenn man so will. Wenn nun bei uns jeder alles an einem Denkmal… wo kämen wir denn da hin? Eine weihnachtliche Papstkarikatur am Kölner Dom? Ein nächtens aufgespraytes Flüchtlingsboot auf der Reichstagsfassade? Alles, was recht ist! Aber es ist Kunst, sagen die anderen. Und Kunst rechtfertigt vieles. Kunst ist Freiheit. Kunst muss auch mal radikal sein können. Und spontan. Provokant. Echte Kunst braucht keine Genehmigung. Man stelle sich vor, die Freie Szene spricht vor jeder Aktion brav beim Ordnungsamt vor…

Das Künstlerkollektiv hat Mineralfarbe und Tapetenkleister verwendet. Ob das die Substanz beschädigt, darüber besteht Dissens. Fest steht: Die nachgerade panisch anmutende Entscheidung, das Kunstwerk mittels Dampfstrahler so schnell verschwinden zu lassen wie es gekommen war, hat zu einem Aufschrei geführt. Muss eine Kulturstadt (von einer Kulturhauptstadt können wir leider, für manche jetzt nachträglich zu Recht, nicht mehr reden) nicht anders mit Kunst umgehen? Hätte es hier nicht Wertschätzung und Handeln mit Bedacht gebraucht? Es bleibt zu klären, warum die Entfernung der Farbe so schnell nötig war, ob man nicht erst hätte eine Diskussion zulassen müssen. War die chemische Zusammensetzung des „Regenbogens“ denn so schädlich, dass es um jede Minute ging? Der Denkmalschutz, der vielen hier zu Unrecht als Buhmann gilt, war jedenfalls laut Auskunft der Behörde in die Entscheidung nicht eingebunden. Bleibt das Recht des Eigentümers, der Anzeige wegen Sachbeschädigung erstattet hat. Das mag juristisch in Ordnung sein. Hilfreich ist es nicht. Das Ganze wirkt eher hilflos. Und es zeugt von fehlendem Gespür für die empfindliche Gefühlslage in der Stadt nach der Kulturhauptstadt-Enttäuschung und für die Stimmung in der Nürnberger Kulturszene. Die Diskussion in der Öffentlichkeit beweist das. 

Nun ist das Kunstwerk weg, der Schaden am Renommée für die Stadt da. Und selbst wenn ein Schaden an der Zeppelintribüne geblieben sein sollte: Wenn Spuren des „Regenbogens“ im Stein bleiben, dann wurde hier ein Nazi-Ort ganz im wörtlichen Sinne „angegriffen“, Nazi-Bombast „beschädigt“. Über diese Spuren werden Besucher des Reichsparteitagsgeländes dann in Zukunft reden können, ja müssen. Die Substanz des Größenwahns, die Essenz der nationalsozialistischen Ideologie wurde durch „Kunst ohne Genehmigung“ verunreinigt und verunstaltet, ein „Nie wieder“ in Stein gegraben. Ist das genial, oder ist das illegal?

Was bleibt? Kulturbürgermeisterin Julia Lehner hat das Dilemma erkannt und gegenüber dem Künstlerkollektiv versöhnliche Töne angeschlagen. Das Angebot, bunte Elemente aus geeigneten Materialen anstelle der entfernten Malerei aufzubringen, sollte in Betracht gezogen werden - auch wenn es immer nur eine schwache „Reparatur“ der Misere wird sein können. Zu einer ausgestreckten Hand würde es auch gehören, die Strafanzeige zurückzuziehen. Großzügigkeit wäre hier angebracht.

Und angebracht wäre noch mehr: Nicht nur die offensive Fortführung der Debatte über den weiteren Umgang mit dem Reichsparteitagsgelände, sondern ein Blick über Nürnberg hinaus. Wie gehen wir generell mit „Täterorten“ um? Wie erklären wir sie zukünftigen Generationen? Wie nutzen wir sie didaktisch, um rechten Tendenzen und einer Verherrlichung bzw. Verharmlosung der Zeit des Nationalsozialismus entgegenzutreten? Wie verhindern wir dort rechten „Tourismus“? Ein übergeordnetes, gemeinsames Konzept wäre hier zu entwickeln.

Zum Schluss noch eines: Dieses Beispiel wird nicht zur Nachahmung empfohlen. Denkmäler genießen in unserer Gesellschaft als historische Zeugen zu Recht besonderen Schutz. Kein Laie kann beurteilen, welche Schäden entstehen, wenn man die Substanz bemalt oder sonstwie bearbeitet. Der Sonderfall Regenbogen darf deshalb keine Schule machen.

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