• Dr. Walter Irlinger vom Landesamt für Denkmalpflege und Dr. Timo Saalmann von der Gedenkstätte Flossenbürg erläuterten den Abgeordneten, welche Rolle archäologische Funde bei der Umgestaltung der Gedenkstätte spielten.
  • Funde wie Esslöffel und Geschirr sind wichtige Zeugnisse für den menschenverachtenden Alltag im KZ Flossenbürg.
  • Gruppenbild mit örtlichen Grünen vor der ehemaligen SS-Kommandatur.

Denkmalschutztour 2022 - Flossenbürg

Archäologie ist bedeutsam für Erforschung der NS-Verbrecherorte

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08. Aug. 2022 –

Wie bedeutsam archäologische Grabungen auch für die Erforschung der Gräueltaten und Verbrecherorte der Nationalsozialisten sind, zeigte sich eindringlich beim Besuch der Grünen Landtagsabgeordneten Dr. Sabine Weigand, Anna Schwamberger und Jürgen Mistol in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. „Wir müssen in der Öffentlichkeit stärker vermitteln, dass archäologische Funde wesentlich dazu beitragen, das Unfassbare fassbar zu machen“, forderte die denkmalpolitische Sprecherin der Grünen Landtagsfraktion, Sabine Weigand.

Das bayerische Denkmalschutzgesetz legt allerdings fest, dass Bodendenkmäler „in der Regel aus vor- und frühgeschichtlicher Zeit“ stammen. Weigand: „Diese enge zeitliche Eingrenzung ist längst nicht mehr zeitgemäß und sollte im Zuge der anstehenden Gesetzesnovelle gestrichen werden.“

Weigand reist jeden Sommer durch Bayern, um sich vor Ort über aktuelle Herausforderungen für den Denkmalschutz zu informieren. In diesem Jahr stehen Bodendenkmäler im Fokus, ebenso wie die Förderung erneuerbarer Energien im Denkmal.

Im KZ Flossenbürg hielt die SS zwischen 1938 und 1945 rund 100 000 Häftlinge gefangen, mindestens 30 000 kamen ums Leben. Ab 1943 mussten die Inhaftierten für die Firma Messerschmidt Flugzeugteile montieren, zuvor wurden sie unter menschenverachtenden Bedingungen gezwungen, im Steinbruch für die Bauten der Nazis Granit zu schlagen.

Lager wurde nach 1945 weiter genutzt

„Nach Kriegsende wurde das Lager weitergenutzt“, erklärte Dr. Timo Saalmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte, den Landtagsabgeordneten. Zunächst war es ein Internierungslager für Mitglieder der SS, ab 1946 wurde es zum Lager für "Displaced Persons" und 1947 zum Lager für Flüchtlinge aus Schlesien, Ostpreußen und dem Sudetenland.

Auf Initiative ehemaliger Häftlinge begann 1946 die Umwandlung des östlichen Teils des Häftlingslagers in eine Gedenkstätte. Doch ansonsten war man eher darum bemüht, die Fläche zu nutzen, ohne die Historie zu thematisieren. Mitte der Fünfziger Jahre wurde für Geflüchtete anstelle der Baracken auf dem Nordhang des früheren Lagers eine neue Wohnsiedlung gebaut. In anderen Teilen des Lagers siedelten sich Industriebetriebe an.

„Der Umgang mit dem Lager in der Nachkriegszeit ist Teil der Denkmalgeschichte“, betonte Saalmann. Als 2007 das Häftlings- und SS-Lager, die benachbarte SS-Wohnsiedlung und der Steinbruch sowie die historischen Zeugnisse im Boden unter Denkmalschutz gestellt wurden, habe es einige Irritationen darüber in der Bevölkerung gegeben.

Archäologie begleitete die Umgestaltung der Gedenkstätte

Grabungen, die im Zuge der Umgestaltung der KZ-Gedenkstätte zwischen 2000 und 2014 stattfanden, zeigten unter anderem auf, wo einst die Außengrenzen der Häftlingsbaracken verliefen. „Die Umgestaltung der Gedenkstätte ist von Anfang an archäologisch begleitet worden“, berichtete Dr. Walter Irlinger, Leiter der Abteilung Bodendenkmäler im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.

Auch in den 80 Außenlagern des KZ Flossenbürg, von denen 25 in Bayern stehen, finden bis in die Gegenwart immer wieder Grabungen statt. „Wir arbeiten daran, dass alle Funde hier in Flossenbürg gesammelt werden. Das macht es leichter, sie wissenschaftlich auszuwerten“, sagte Irlinger. „Noch ist das allerdings nicht abschließend konkretisiert.“

Sabine Weigand unterstützte den Wunsch der Denkmalpfleger nach einer Zusammenführung der Funde in Flossenbürg ausdrücklich: „Hier sollte ein zentraler Ort für die Fundstücke geschaffen werden, fehlende Finanzmittel dürfen hierfür kein dauerhafter Hinderungsgrund sein.“

Im Depot schauten sich die Abgeordneten beispielsweise Löffel an, die in Flossenbürg gefunden wurden. „Häftlinge haben sie individuell mit Buchstaben und eingeritzten Zeichnungen versehen“, erklärte Saalmann. „Die Löffel waren oft der einzige Besitz und sie wollten diese dadurch zu etwas Persönlichem machen.“ Funde erzählten oft viel über soziale Strukturen und Hierarchien, „so wurden rund um die SS-Kommandatur Reste von Porzellangeschirr gefunden, das den Nazi-Schergen vorbehalten war.“

Anna Schwamberger erzählte, dass sie als Lehrerin immer wieder mit Schulklassen die Gedenkstätte besucht habe, „Fundstücke, die von dem schrecklichen Lagerleben zeugen, sind wichtig, um den Kindern die Geschichte deutlich zu machen.“ Ihr Landtagskollege Jürgen Mistol pflichtete ihr bei: „Deshalb sind die Bodendenkmalpflege und auch die archäologischen Funde so wichtig für die Gedenkstättenarbeit“.

Die zeitliche Einordnung von Bodendenkmälern weiter fassen

Auch vor diesem Hintergrund sei die Eingrenzung von Bodendenkmälern im bayerischen Denkmalschutzgesetz auf in der Regel aus „vor- und frühgeschichtliche Zeit“ nicht mehr zeitgemäß, betonte Walter Irlinger. Aus Gründen der Gleichbehandlung historischer Zeugnisse aus neuerer Zeit mit älteren Ausgrabungen sei das nicht mehr sinnvoll, betonte Irlinger.

„Wir sehen in Flossenbürg, wie wichtig auch archäologische Funde aus jüngeren Zeiten für unser Geschichtsverständnis sind“, sagte Sabine Weigand. Sie werde auf eine entsprechende Änderung drängen, wenn im Herbst über die Novelle des Denkmalschutzgesetzes im Landtag diskutiert wird.

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